Erdbeben Haiti
Berichte von Maibachs
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© 2010 Erdbeben Haiti
 

Email von Maibachs

Email an den Rotary-Club Interlaken vom 30.1.2010

eschapelles/Haiti 30.1.10

Lieber Präsident Robert Grau, liebe RotarierInnen des Clubs Interlaken

Mit grosser Freude haben wir von der grosszügigen Spende von Fr. 5000.00 Ihres Clubs zu Gunsten des Hôpital Albert Schweitzer vernommen. Ganz herzlichen Dank! Am Tag des Erdbebens waren meine Frau und ich noch in Bern bei der DEZA, wo nach langer Vorbereitung unser Projekt zur Erhaltung der Kinderklinik am Hôpital Albert Schweitzer bewilligt wurde. Obwohl das Projekt zwar mehrheitlich durch Schweizer Private finanziert wird, wird durch die Mitfinanzierung der DEZA die Tür für weitere private Finanzierung öffnet. Wenige Stunden später bebte die Erde in Haiti. Ich reiste am nächsten Tag mit dem Korps der Humanitären Hilfe nach Port-au-Prince, arbeitete dort 2 Tage und fuhr dann mit 6 haitianischen und amerikanischen Ärzten als Verstärkung zurück ins Hôpital Albert Schweitzer, sozusagen nach Hause. Welch ein Unterschied zum Albtraum in Port-au-Prince. Zwar lagen in den Gängen, Zimmern, Büros, draussen in der Kinderklinik und beim Empfang hunderte von Verletzten wie natürlich noch nie, ausser in den letzten Tagen, wo offenbar nochmals so viele da waren. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, wo dann noch Menschen untergebracht wurden. Aber viele wurden offenbar bereits operiert und wieder nach Hause entlassen. Fast alle, die noch auf Operationen warteten, hatten Infusionen, Schmerzmittel und die Röntgenbilder. So konnten die mitgebrachten Chirurgen und Orthopäden nach einem kurzen Imbiss sofort mit Operieren beginnen, während damals die meisten Verletzten in PauP unversorgt irgendwo draussen, gelegentlich notdürftig durch eine Plane geschützt, in Pärken und Gärten so wie auf der Strasse lagen, teilweise mit bereits eiternden offenen Frakturen. Die Erdbeben Patienten werden natürlich bei uns gratis behandelt. Ich war sprachlos über die Effizienz und Kompetenz unserer haitianischen Ärzte, Pflegepersonal und Techniker während meiner Abwesenheit. Ich bin immer noch tief beeindruckt über die Ruhe und die Geduld, die trotz hunderten von Menschen, in unserem Spital spürbar war. Das war ja auch in PauP so. Man spürt auch förmlich die Hilfsbereitschaft dieser Menschen, die ihre geduldigen Angehörigen begleiten. Die meisten haben sich ja irgendwie von PauP zu uns durchgekämpft resp. sind mühsam auf Lastwagen gefahren worden. Sie sind nun am Spital der Hoffnung angekommen. In PauP war noch keine Hoffnung zu spüren, aber ich denke, dass sich das unterdessen dort mit dem exzellenten Schweizer Team der HH DEZA geändert hat. In PauP habe ich ein paar Wasserverteilungen erlebt mit grosser Disziplin, Schlangenstehen und Geduld. Die Medien haben offenbar Gewaltakte gezeigt. Ich denke, dass das eher die Ausnahme ist, aber halt medienwirksam. Man kann nicht anders, als diese Menschen gern zu haben und mit ihnen kämpfen. In unserem Spital ist nun vermehrt eine Atmosphäre des gegenseitigen Respekts und eine tiefgehende Bescheidenheit zu verspüren.

Mehr über unsere homepage www.hopitalalbertschweitzer.org

Ein paar Tage später hat sich auch meine Frau trotz einigen Hindernissen unterwegs von Santo Domingo/DomRep. aus nach Deschapelles an unser Spital durchgeschlagen. Nun sind wir wieder komplett. Vom 12. -20. Januar haben wir neben den andern Patienten 810 Erdbebenopfer aufgenommen und operiert (Todesfälle und kleinere Verletzungen nicht eingeschlossen). Wir operieren in 3 Sälen fast rund um die Uhr. Die Zahlen seit dem letzten Mittwoch fehlen noch. Sie werden aber 1000 übersteigen. Im Gegensatz zu vielen Notspitälern können wir mit unserer Infrastruktur und dank mehrerer orthopädisch-chirurgisch-anästhesiologischen Equipen, die mit unseren haitianischen Chirurgen zusammen operieren, auch komplizierte offene Frakturen und andere schwere Verletzungen endgültig versorgen und sind nur selten gezwungen, Amputationen vorzunehmen. Im Moment sind wir nach der Krise in einer Übergangsphase (Transition): Es kommen immer noch Verletzte, leider teilweise sehr schwere Fälle z.B. mit Querschnittlähmungen. Andererseits haben wir daneben auch unseren „normalen“ Betrieb in allen 5 Abteilungen (Pädiatrie, Innere Medizin, Chirurgie, Risiko Geburtshilfe/Gyn und Augen) wieder aufgenommen. Da auch hier Nachholbedarf besteht, sind wir weiterhin überfüllt mit Betten und Matratzen in den Gängen und Hallen.

Ihnen und Ihrem Club wünschen wir alles Gute und verbleiben mit herzlichen Grüssen

Rot. Rolf Maibach und IW Raphaela Maibach

 

Email von Raphaela Maibach vom 23. Januar 16.43 an Christoph und Valérie Wyss

Lieber Christoph und Valerie

Bitte entschuldigt das verspaetete Update das ich vor meiner Abreise am letzten Samstag Euch versprochen hatte. Die Eindruecke und Emotionen bei meiner Ankunft am Dienstag in Port au Prince und in Deschapelles waren einfach zu stark. Wir arbeiten fast Tag und Nacht um moeglichst rasch die noetige Hilfe den leidenden Menschen zu geben.

Zum Glueck hatte ich am Montagmorgen ab Miami Patrick Schellenberg, Journalist des Schweizer Fernsehen, als Begleitperson, der bereits von Miami aus mit der CH-Botschaft in St. Domingo Kontakt aufgenommen hatte um herauszufinden wie und wann wir von S.D. weiter kommen koennen. Der Botschafter in S.D.hatte inzwischen fuer uns ein Privattaxi mit Chauffeur organisiert der uns nach Port-au-Prince bringen sollte und gleichzeitig die notwendigen Papiere zur Einreise fuer uns vorbereitet gehabt. Zum Glueck empfahl er uns noch am gleichen Abend ein Stueck in Richtung Grenze zu fahren. Abends um 10.00 Uhr waren wir In Barahona, ca. 1 Autostunde vor der Grenz Haitis, dort uebernachteten wir und sind am Dienstag um 6.00 frueh weiter gereist. Um ca. 7.00 an der Grenze angekommen wollten Grenzwaechter uns nicht nach Haiti einlassen. Das Schreiben des Botschafters und ein Telefongespraech zwischen ihm und den Beamten; dass sie uns unbedingt passieren lassen, half uns das Problem zu loesen. Kaum ueber die Grenze, holten wir eine mehrere Km-lange Lastautoschlange ein, die mit Hilfsgueter unterwegs und nur im Schrittempo vorwaerts kamen. An Ueberholen war nicht zu denken.

15.00 Uhr endlich in der Botschaft Pethionville angekommen, meldet Botschafter Urs Berner, dass fuer uns kein Fahrzeug und keine Uebernachtungsmoeglichkeit zur Verfuegung stehe, so mussten wir von Neuem organisieren. Unser „Dominikanische“ Chauffeur war zum Glueck bereit, uns nach Deshapelles zu fahren bevor die Nacht eingebrochen ist. Wir wollten auf dem schnellstmoeglichen Weg dorthin kommen. Der Chauffeur war bereit bis heute Samstag hier zu bleiben. Jetzt ist er berits wieder auf dem Rueckweg nach St.Domingo. Herr Schellenberg, hat sehr einfuehlsam und sensibel die momentane Situation am HAS gefilmt was nicht ganz selbstverstaendlich ist. Dieser Film wird am 3 Februar abends ca. 22.20 auf SF 1 ausgestrahlt.

Mein erster Arbeitstag am Mittwochmorgen uebertraf mein Vorstellungsvermoegen am HAS. Am morgen frueh treffe ich ein massiv ueberfuelltes Spital an, alle Zimmer doppelt belegt, alle Korridore und draussen im Vorhof und in den ambulanten Kliniken voll mit wartenden Patienten am Boden auf Matten und Matrazen, die auf den chirurgischen Eingriff warten. 4 Chirurgen operierten rund um die Uhr, unser Chefchirurg Dr. Exe drehte fast durch. Die ersten Ermuedungserscheinungen bei unserem Personal machte sich langsam bemerkbar. Am Mittwochabend trafen dann endlich 3 Chirurgenteams, Orthopaeden Traumatalogen und Allgemeinchirurugen aus Atlanta Chicago und Canada ein die schon das HAS kannten und sofort losglegen konnten. Leider wurden die CH Chirurgen die mit Rolf eingereist sind in PaP eingesetzt, was sehr schade ist, Rolf bedauert DEZAs Entscheid, aber kann es akzeptieren. Daniel Thuering aus Walenstadt, ein ehemaliger Anaesthesiepfleger, der frueher 2 Jahre am HAS gearbeitet hatte, waere so gerne ans HAS gekommen.

Das Labor hatte bis zu meiner Ankuft sehr gut gearbeitet. Unser groesstes Problem sind die Blutkonserven die uns fehlen. Mehrere 100 Einheiten wurden bereits transfundiert und es sind noch viele die operiert werden muessen. Reagenzien zur Austestung gehen zu Ende. Das Gebaeude des Haitiniaschen Roten Kreuz in Port au Prince ist vollstandig zerstoert worden, welches uns im Norfall mit Blutkonserven und Reagenzien aushelfen kann. An Blutersatz oder Plasma ist gar nicht zu denken.

Meine groesste Bewunderung und der Respekt gilt den betroffenen Patienten, die mit undendlich viel Geduld und Dankbarkeit auf die Hilfe warten. Sie strahlen Hoffnung aus auch wenn sie schon seit Tagen mit offenen Frakturen herumliegen. Die Menschen sind solidarisch untereinander, ausgerechnet jene Menschen die in ihrem Leben schon so viel Leid erdulden mussten. Fuer Schock und Trauma haben sie gar keine Zeit. Hier rasten die Menschen auch nicht aus, kein jmmern, kein klagen, selbst wenn sie unglaubliche Schmerzen leiden, denn kurzfristig gingen uns auch die Schmerzmittel aus, die zum Glueck von den Orthopaeden ersetzt worden sind. Erst heute Samstag kann ich meinen Gefuehlen etwas freien Lauf geben, fuer Traenen war bis heute keine Zeit vorhanden.

Rolf und ich danken Euch ganz herzlich fuer die moralische und finanzielle Unterstuetzung die Ihr fuer das HAS aufgegleist habt.

Mit lieben Gruessen

Raphaela und Rolf

 

Email von Rolf Maibach vom 22.1.2010 an alle Freunde

Haiti: vom NICHTS zum GARNICHTS

Seit 17.1.2010 bin ich nach drei Tagen Inferno im Zentrum von Port-au- Prince wieder im Hôpital Albert Schweitzer in Deschapelles und gelegentlich am Lesen der vielen hundert E Mail, falls etwas Zeit dazwischen bleibt.

Es war ein Nach-Hause-kommen heute Nachmittag am HAS! Welch ein Unterschied zum Albtraum in PauP. Zwar lagen in den Gängen, Zimmern, Büros, draussen in der Kinderklinik und beim Empfang hunderte von Verletzten wie natürlich noch nie, ausser in den letzten Tagen, wo laut Ian fast nochmals so viele da waren. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, wo dann noch Menschen untergebracht wurden. Aber viele wurden offenbar bereits operiert und wieder nach Hause entlassen. Fast alle, die noch auf Operationen warteten, hatten Infusionen, Schmerzmittel und die Röntgenbilder. So konnten die drei amerikanischen und haitianischen Orthopäden, der Chirurg und der Assistent, die ich von PauP zusammen mit Dr. Exe, dem Chef mitbrachte, um 5h Sonntag-Nachmittag nach einem kurzen Imbiss sofort mit Operieren beginnen, während noch heute die meisten Verletzten in PauP unversorgt irgendwo draussen, gelegentlich notdürftig durch eine Plane geschützt, in Pärken und Gärten so wie auf der Strasse liegen, teilweise mit bereits eiternden offenen Frakturen. Die schwerer Verletzten sind nach 5 Tagen ohnehin schon gestorben. Die Erdbeben Patienten werden natürlich am HAS gratis behandelt. Ich war sprachlos über die Effizienz und Kompetenz unserer haitianischen Ärzte, Pflegepersonal und Techniker.

Die letzten Tage in PauP mit der DEZA Delegation gehörten zu den eindrücklichsten überhaupt. Ich habe mich bei der Humanitären Hilfe der DEZA sehr wohl gefühlt und von den beiden Medizinern, aber auch von allen andern sehr viel gelernt. Unsere kleine Rekognoszierungs- Gruppe von 13 Leuten, zusätzlich die Leute von der Botschaft, heute verstärkt durch weitere Mediziner, ist ein Beispiel, wie Teamwork unter schwierigen Umständen sein soll. Die ganze Arbeit war bereits heute erfolgreich. Wir konnten im leeren Universitäts-Spital Hôpital Général das Gebh Gyn Haus (nach Stabilitätskontrolle durch einen UN und Schweizer Ingenieur) mit 3 Operationssälen für uns reservieren und sie haben auch heute schon mit Operieren begonnen. 600 Betten sind geplant. Das HAS ist nicht primäre Anlaufstelle - das wäre ein Chaos - sondern Tertiär- oder rückwärtiges Spital der Schweizer Chirurgie am Hôpital Général für schwierige Fälle. Wir werden vom HAS aus die Patienten mit dem zum fahrenden Lazarett umfunktionierten Bus transportieren, vorerst gegen Diesel, den die DEZA in der DomRep einkauft und von dem wir zu wenig haben. Die Präsenz der DEZA HH in Haiti wird auch medizinisch nicht Wochen, sondern Monate und Jahre betragen.

Zurück zu uns ins HAS: Ich bin immer noch tief beeindruckt über die Ruhe und die Geduld, die trotz hunderten von Menschen, in unserem Spital spürbar ist Das war ja auch in PauP so. Man spürt auch förmlich die Hilfsbereitschaft dieser Menschen, die ihre geduldigen Angehörigen begleiten. Die meisten haben sich ja irgendwie von PauP zu uns durchgekämpft resp sind mühsam auf Lastwagen gefahren worden. Sie sind nun am Spital der Hoffnung angekommen. In PauP war noch keine Hoffnung zu spüren, aber ich denke, dass sich das heute auch dort mit dem exzellenten Schweizer Team geändert hat. In PauP habe ich ein paar Wasserverteilungen erlebt mit grosser Disziplin, Schlangenstehen und Geduld. Die Medien haben offenbar Gewaltakte gezeigt. Ich denke, dass das eher die Ausnahme ist, aber halt medienwirksam. Man kann nicht anders, als diese Menschen gern zu haben und mit ihnen kämpfen. In unserem Spital ist nun vermehrt eine Atmosphäre des gegenseitigen Respekts und eine tiefgehende Bescheidenheit zu verspüren.

Dr. Rolf Maibach